Tokio Hotel
Rock-Magazin -> 23. April 07
Tokio Hotel gehen wieder auf Tour. Der Tokio Hotel Wahn in eine neue Runde. Weshalb das Team von Rockfrog.de den Rummel um die Magdeburger Pop-Band kritisch sieht, erfahrt ihr hier.
Der Tokio-Hotel-Wahn geht in eine neue Runde. Nachdem die vier pubertären Bandmitglieder um den androgynen Sänger Bill Kaulitz am 13.04. 2007 ihren Tourneeauftakt gaben, wird wieder fleißig gekreischt, geschwitzt und kollabiert. Und all das nur einem Grüppchen Halbstarker zuliebe.
Zugegeben, vor zehn Jahren war das nicht anders. Der Teeniewahn grassierte auch und ein Teil jeder Schulklasse, gleich ob gymnasial oder nicht, verschlang jedes noch so kleine Zeitungschnippselchen über Take That und Konsorten. Damals spaltete sich wohl jede Klasse in zwei Lager: Die Einen waren brav, hatten immer ihre Hausaufgaben, verbrachten die Mittagspause sittsam im Schulgebäude und standen auf Take That. Die Anderen schrieben Hausaufgaben lieber ab oder machten sie in der vorangehenden Stunde, rauchten und knutschten heimlich und standen auf Bands wie Nirvana, Pearl Jam und Selig. Take That und wie sie alle hießen fanden sie weder süß, noch konnten sie den Hype um die Jungs verstehen. Curt Cobain, das war wohl das Schmankerl, und ein Märtyrer dazu. Cool eben. Und während die Take That-Fans ihr Geld für Fanartikel raus warfen und sich damit selbst stigmatisierten, lachten die Anderen über kreischende Teenies mit ihren Retortenstars und sahen ihre wenigen Merchandisingartikel wohl mehr Statement ihrer Lebensauffassung an.
Bei den kleinen Schwestern dieser Generation ein paar Jahre später war das anders, bei denen fand keine mehr die geschniegelten Stars süß, keine gab mehr Unsummen für gepushte, sinnfreie Bubis aus und die Musikbranche guckte in die Röhre. In Zeiten dramatischer Umsatzeinbußen eine fatale Entwicklung, immerhin steuerten die kleinen Mädels einst einen nicht unerheblichen Teil zum Wohlstand der Majors bei. Jeder Teenie war plötzlich in der Lage, sich die beliebte Musik im Internet zu besorgen und sich individuelle Hits als Mp3 auf den Player zu ziehen. Merchandising und Live-Auftritte waren plötzlich eine der wichtigsten Einnahmequellen von SonyBMG, EMI und Co.. Die Musikindustrie musste handeln und ein neuer Retortenstar her, den Pubertierende anhimmeln konnten. Nur nicht glatt gebügelt und uncool durfte er sein, das hatten große Produzenten nach dem Eklat um den viel versprechenden und doch erfolglosen DSDS-Star Alexander Klaws gelernt.
Produzent Pat Benzner war schließlich der erste, der sich in die Nische 'böser Teeniestar' vorwagte. Er lernte Bill und Kumpels beim Kindercasting von Starsearch kennen, erkannte das Potential und kreierte die Band Tokio Hotel. Japan war in der Zeit schwer angesagt und der Bandname sollte der erste Schritt zum Erfolg werden. Zusammen mit den alten Songwriterund Produzentenhasen Dave Roth und David Jost schrieb Benzner eingängige Melodien in seichtem Pop-Gedudel zusammen und textete simple Zeilen auf Deutsch, auf dass die anvisierte Zielgruppe der 9- bis 16-jährigen Mädels auch alles verstand und extra leicht mitsingen konnte. Immerhin waren die es, die die Singlecharts dominierten. Ausstaffiert wurden die damals 15-jährigen Kinderstars Tokio Hotel mit einem bunten Mix der Punk- und Gothicszene: Auftoupiert-schwarze Mähne mit zwei Dosen Haarlack, schwarz gemalten Augen, schwarze, ausgefranste Fingernägel für den Leadsänger Bill; coole Klamotten und Filzfrisuren für die Band. Die Stardesigner griffen tief in die Cool-Kiste und vergaßen nicht, auch Ausnahmekünstler wie The Exploited via T-Shirt zu involvieren. Hauptsache cool und revolutionär, so sollten die neuen Stars daher kommen.
Flankiert durch eine wahre Merchandisingflut gingen Tokio Hotel 2005 an den Start und die Masche auf. Endlich hatten die Mädels das, was sie wollten: Revoluzzer mit seichten Songs und bösem Image. Die Debütsingle 'Durch den Monsun' erklomm in Null-Komma-Nix Platz 1 der Charts und das Geschäft mit Postern, T-Shirts und dergleichen boomte. Nur die Interviews und geäußerte Selbstsicht der Buben wollte nicht recht zum Image passen: Da bekam man plötzlich alberne Jungs zu sehen, die kicherten und wenig Coolness durchblicken ließen.
Heute ist das anders, die Erziehung der Manager scheint Früchte zu tragen: Die mittlerweile 17-Jährigen posen wie Altstars und sagen in Interviews brav auswendig gelernte Antworten auf. Den Stil unverändert, trällern sie nach wie vor in mädchen-affinem Pop und spielen tröge Hooklines. Der Zielgruppe gefällt's, auf den Konzerten kreischen 8- mit 18-Jährigen um die Wette. Transparente mit 'Grins mich an und ich zieh mich aus' konkurrieren mit 'Bill, mach mir ein Kind'-Geschrei. Wer sagt, das Ganze habe nichts sexuelles, der täuscht: Bill und Co. plaudern mit der Bild-Zeitung altklug über Groupies und Sex; Bill gesteht, er habe sich noch nie verliebt während Zwillingsbruder und Gitarrist Tom ausgeleierte Beziehungsweisheiten von sich gibt und mit wilden Sex-Nächten prahlt. Na wenn das nichts ist! Gleichaltrige Jungs hingegen beschweren sich über das 'schwule Tunten-Aussehen' und der Neid trieft aus allen Poren.
Und irgendwie ist es dann doch wie bei Take That: Die Fans, die ihr letztes Taschengeld für ihre Stars hinlegen und den Produzentenbonzen ein fettes Konto bescheren auf der einen Seite, und die, die sich über das alberne Getue amüsieren und alternative Stars ohne sinnfreie Texte bevorzugen, auf der anderen. Blöd nur, dass es optisch kaum noch einen Unterschied gibt, sich der Unterschied zur echten Rockszene vielmehr erst beim Hinhören offenbart und wir plötzlich mit albern-pubertärem Mainstreamgedudel assoziiert werden.
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